Den Ausschluss Israels vom Eurovision Song Contest (ESC) zu fordern ist lupenreiner Antisemitismus – bedenkt man, welche Ereignisse bisher zu keinerlei Boykottaufrufen geführt haben: 1974 marschierte die Türkei in Zypern ein und vertrieb mehr als 160.000 Bewohner aus dem Norden der Insel. Zur Belohnung für diese ethnische Säuberung durfte die Türkei 1975 ihr Debüt auf der ESC-Bühne geben.
2003 beteiligte sich Großbritannien am Angriffskrieg gegen den Irak, dem Hunderttausende Menschen zum Opfer fielen. 2014 marschierte Russland in der Ukraine ein – mit den bekannten Folgen. 2015 griff Russland in den syrischen Bürgerkrieg ein, tötete Zehntausende Menschen und trieb Hunderttausende in die Flucht. 2023 vertrieb Aserbaidschan alle 120.000 armenischen Bewohner Bergkarabachs ins Mutterland Armenien.
Man sieht also: Einen Angriffskrieg zu führen, Massenmord oder ethnische Säuberungen im großen Stil zu begehen ist noch nie ein Grund gewesen, ein Land vom ESC auszuschließen. Und jetzt soll ausgerechnet Israel ausgeschlossen werden, weil es sich gegen die Hamas zur Wehr setzt, die das Land auslöschen will?
Im Übrigen kann die Europäische Rundfunkunion (EBU), ein Zusammenschluss unabhängiger öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, keine Länder ausschließen, sondern nur ein Mitglied, wenn es gegen EBU-Regeln verstößt, wozu eben der öffentlich-rechtliche Auftrag und die Regierungsunabhängigkeit zählen.
Dem israelische Sender KAN ist in dieser Hinsicht indes nichts vorzuwerfen gewesen – im Gegensatz zu den TV-Anstalten von Belarus und Russland, die zu reinen regimetreuen Propagandainstrumenten der jeweiligen Diktatur geworden sind und aus diesem Grund 2021 bzw. 2022 aus der EBU ausgeschlossen wurden.
Mitgliedschaft in der EBU ist Voraussetzung für eine Teilnahme am ESC. Sie ist geografisch nicht auf Europa beschränkt. In der Tat sind auch TV-Anstalten aus Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Jordanien und dem Libanon Mitglied in der EBU. Sie könnten ebenfalls beim ESC antreten, tun es aber nicht, weil sie die gesamte Show übertragen müssten, also auch den Auftritt Israels, was in den arabischen Ländern aber nicht möglich ist.
Den Vertretern jener Rundfunkanstalten, die besonders vehement auf den Ausschluss Israels gedrängt haben, scheint klar gewesen zu sein, dass KAN nicht wegen der Aktivitäten der israelischen Regierung ausgeschlossen werden kann. Deshalb haben sie ein zweites Argument vorgebracht: Israel habe 2025 beim Televoting im Finale manipuliert und mit unlauteren Werbemethoden die Leute zur Stimmabgabe für den israelischen Beitrag motiviert. Wie schon zuvor gab es eine auffällige Diskrepanz zwischen vielen Televoting- und wenigen Jury-Punkten für Israel im Finale.
Es ist Chuzpe, wegen dieser Diskrepanz eine Manipulation beim Televoting zu unterstellen. Man sollte lieber untersuchen, ob nicht antisemitische Voreingenommenheit bei bestimmten Jurys zu dieser mickrigen Punktezahl geführt hat. Das gilt auch für die österreichische Jury, die 2024 und 2025 keinen einzigen Punkt an Israel vergeben hat. Der ORF muss diese israelfeindliche Peinlichkeit heuer verhindern. Eine befangene ORF-Jury beim ESC in Wien wäre eine Schande.
Anmerkungen:
Dieser Kommentar ist eine gekürzte Fassung meines Blog-Beitrags vom 13. Dezember 2025.
Link zum Original-Beitrag: https://www.diepresse.com/20461302/esc-peinlichkeiten-bitte-unterbinden
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