

Vom 5. bis 11. September 1994 fand im nordenglischen Durham nach zweijähriger Pause wieder eine Jahrestagung und damit eine Generalversammlung des europäischen Dachverbands von AIDS-Hilfe-Organisationen EuroCASO (vgl. LN 1/1992, S. 55 ff), der in dieser Zeit eine ernste Krise durchmachte, statt. Etliche unglückliche Umstände kamen zusammen, vor allem auf dem Sekretariat von EuroCASO scheint seit Wien, wo es bis zur Auflösung der Österreichischen AIDS-Hilfe 1991 beheimatet war, ein Fluch zu liegen. Nach einer provisorischen Übersiedlung nach Oslo kam es schließlich nach Belfast, wo die Arbeit insofern stark beeinträchtigt wurde, als die Büroräume der Gastgeberin, der Northern Ireland AIDS Helpline, zweimal durch in der Nähe explodierende Autobomben stark in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Im Laufe der Zeit stellte sich auch heraus, daß die Helpline mit dem Sekretariat überfordert war; nach der Berliner Welt-AIDS-Konferenz 1993 sollte es daher zur Deutschen AIDS-Hilfe an die Spree übersiedeln. Kaum war dies beschlossen, kam die Hiobsbotschaft aus Bonn, daß das Budget der DAH für 1994 gekürzt werden sollte; deren Vorstand opferte als erstes die internationale Netzwerkarbeit – und das trotz der hervorragenden und beeindruckenden Arbeit, die diese DAH-Abteilung unter der Leitung von Petra Narimani im Rahmen der Internationalen AIDS-Konferenz geleistet hat. Nur Proteste aus ganz Europa beim deutschen Gesundheitsminister machten es möglich, daß die EuroCASO-Arbeit 1994 übers DAH-Budget noch gefördert wurde. Für 1995 wurde allerdings das endgültige Aus beschlossen. Das Sekretariat wird daher nächstes Jahr nach Amsterdam zum Nationalen Institut für Alkohol und Drogen gehen. Hoffentlich hat das Sekretariat dort mehr Glück.
1993 wurde das Förderungsansuchen von EuroCASO an die EU abgelehnt, daher mußte die in Lissabon geplante Jahrestagung ausfallen. 1994 gab’s zwar Geld aus Brüssel, aber mittlerweile fühlte sich die portugiesische Gastgebergruppe nicht mehr in der Lage, die Tagung zu organisieren. Schließlich sprang das britische National Network of Body Positive Groups ein und bereitete innerhalb kürzester Zeit in Durham die Jahrestagung vor. Erleichtert waren vor allem jene Mitglieder des Leitungsgremiums, respektlos Working Committee (WC) genannt, die endlich Gelegenheit hatten, aus diesem Posten, in den sie 1992 in Verona für ein Jahr gewählt worden waren, nach dieser krisenhaften Periode abzuspringen. Der Autor dieser Zeilen, der diesem WC von 1991 bis 1992 angehörte, ist im nachhinein froh, rechtzeitig ausgeschieden zu sein.
1993 mußte auch Arne Husdal, langjähriger Positiven- und EuroCASO-Aktivist aus Norwegen, seine Funktion als „Development Officer“ von EuroCASO aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Jean-Jacques Thorens von der AIDS-Hilfe Schweiz übernahm diese Arbeit und bekommt dafür auch erstaunlich breite und vor allem finanzielle Unterstützung durch die Schweizer Regierung.
Jetzt scheint die Krise indes überwunden, EU- und andere Mittel für 1994 zur Fortführung des vierteljährlich auf englisch und spanisch erscheinenden Newsletter, für drei regionale EuroCASO-Treffen, die Jahrestagung und vier bis fünf WC-Arbeitstreffen sind vorhanden. In Durham wurde auch ein neues Working Committee gewählt, dem auch zwei Vertreter angehören, die vom Netzwerk der Selbsthilfegruppen für Menschen mit HIV/AIDS extra gewählt wurden. Diese Vorgangsweise wurde dann auch für die Zukunft in die Statuten von EuroCASO aufgenommen, die in Durham einstimmig angenommen worden sind. Bisher verfügte EuroCASO nur über eine sogenannte Charta über ihre Ziele und Arbeitsweise, aber über keine Satzungen.
Die TeilnehmerInnen hatten eine Woche lang Gelegenheit, in Arbeitskreisen Probleme zu diskutieren und Informationen auszutauschen. Es gab auch mehrere Plena, bei denen sich die einzelnen europäischen und internationalen Netzwerke vorstellten: das Netzwerk der Selbsthilfegruppen, der positiven Frauen, der DrogenkonsumentInnen, der Prostituierten, der ethnischen Minderheiten, die European AIDS Treatment Group, die sich über Therapien austauscht, und das HIVNET, das Computer-Netzwerk. Die Präsentation der ILGA erfolgte durch den Autor dieser Zeilen.