Lose Serie: Aus dem Archiv

Nicht meine Marke

Veröffentlicht am 9. Juni 2026

Der 30. Regenbogenparade, die am kommenden Samstag über die Wiener Ringstraße ziehen wird, widmet die Österreichische Post AG eine Sonderbriefmarke. Bereits 2010 hatte sie anlässlich der 15. Regenbogenparade eine Sonderbriefmarke aufgelegt. Diese war damals eine echte Weltsensation, denn sie war überhaupt das erste Postwertzeichen weltweit, das zu einem schwul/lesbischen Anlass bzw. Thema herausgegeben wurde – wie die HOSI Wien, die die Parade seit 2003 organsiert, in einer Medienaussendung damals betonte. Siehe dazu auch meinen Beitrag in den LN 2/2010.

Die Markenausgabe 2010 gelang damals übrigens erst beim zweiten Anlauf: Zuvor hatte die HOSI Wien bereits versucht, die österreichische Post zu überreden, die im Juni 1989 in Wien stattfindende Weltkonferenz der ILGA (International Lesbian and Gay Association) durch eine Sonderbriefmarke zu würdigen. Doch die Zeit war damals eindeutig noch nicht reif dafür, wie ich in Ergänzung meines Konferenzberichts in der LN-Ausgabe 4/1989 („nachträgliche Anmerkungen“) berichte. 21 Jahre später sollte es dann klappen.

Nach 2010 folgten etliche Länder der österreichischen Pioniertat und gaben ebenfalls Sonderbriefmarken zu schwul/lesbischen Themen heraus, meist zum Pride. Manche Postverwaltungen ehrten überdies berühmte offen schwule bzw. lesbische Persönlichkeiten: etwa die finnische Post 2014 Tom of Finland und die Autorin Tove Jansson mit einem Kleinbogen bzw. einem Markenblock (vgl. LN 5/2014, S. 38). Harvey Milk wiederum wurde im selben Jahr von der US-Post auf einer Briefmarke gewürdigt. Und 2016 gab die Postverwaltung der Vereinten Nationen (UNPA) sechs Briefmarken in Zusammenhang mit der UN-Kampagne für LSBT-Gleichstellung Free & Equal heraus (vgl. LN 3/2016, S. 36).

Problematisches Design

Leider kann ich dem Motiv der aktuellen Briefmarke zur 30. Parade, das Anleihen bei der Progress-Fahne nimmt, nichts abgewinnen. Wie viele andere Schwule und Lesben fühle ich mich durch diese Fahne nicht repräsentiert und lehne sie eigentlich ab. Die neue Briefmarke werde ich daher genauso wenig verwenden wie diese Fahne. Da ich noch ein paar Briefmarkenbögen aus 2010 bei mir liegen habe, die ich mir seinerzeit auf Vorrat gekauft hatte, werde ich damit ohnehin bis an mein Lebensende das Auslangen finden, zumal ich immer weniger gelbe Post zu frankieren habe. Kritik an den Farben und der Gestaltung der „neuen“ Progress-Regenbogenfahne war übrigens unlängst (7. Juni) sogar im Standard zu lesen.

Abschließend sei hier – im Rahmen meiner losen Serie „Aus dem Archiv“ – noch erwähnt, dass es auch schon vor der ersten Regenbogenparade im Jahre 1996 Demonstrationen und Umzüge zum Christopher Street Day in Wien gab – ein detaillierter Überblick dazu findet sich in den LN 4/2009. Die erste Schwulenparade in Wien fand bereits 1982 statt. Die HOSI Wien übernahm die Durchführung der Regenbogenparade im Jahr 2003, da der Verein „CSD Wien“, der die ersten sieben Ausgaben der Parade organisiert hatte, pleitegegangen war.

Happy Pride!

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