Persönliche Pride-Nachlese

Veröffentlicht am 25. Juni 2026

Der Pride-Monat 2026 neigt sich – Gott und Göttin sei Dank – dem Ende zu. Anlass für mich, ein paar – wie immer kritische – Gedanken „zu Papier zu bringen“. Vienna Pride samt Regenbogenparade liefen in der üblichen, erwartbaren Routine vom Stapel. Nach 30 Jahren gehört dieses alljährlich stattfindende Ritual mittlerweile genauso zur Folklore wie der Aufmarsch zum 1. Mai oder die Fronleichnamsprozession. Was allerdings im Umfeld bzw. Sog von Vienna Pride und Parade passiert, ist mitunter ziemlich fragwürdig, kontraproduktiv und zum Fremdschämen. Und auf diese Aspekte will ich mich in meinen Betrachtungen und Anmerkungen konzentrieren. Im übrigen lag auch der Nationalrat im Pride-Fieber und beschäftigte sich im Juni in mehreren Debatten mit einschlägigen Themen, was genug Stoff für einen eigenen Blog-Beitrag hergibt.

Fangen wir aber gleich einmal beim diesjährigen Pride-Motto „Sichtbar seit 1996“ an. Was soll der Slogan? Hat man bei der HOSI Wien vergessen, dass man davor noch eine 17-jährige Geschichte hatte? Ja, vor 30 Jahren fand die erste Regenbogenparade statt, aber die Arbeit der Lesben- und Schwulenbewegung im allgemeinen und der HOSI Wien im besonderen war schon vor 1996 ziemlich sichtbar. Man denke nur an die AIDS-Arbeit ab 1983! Und selbst in Sachen CSD gab es in Wien ein Leben vor 1996 – die erste Schwulenparade fand 1982 statt (ein detaillierter Überblick dazu findet sich in den LN 4/2009). Warum verleugnet man diese Geschichte? Oder ist es – einmal mehr – einfach bloß Inkompetenz und Überforderung?

Aufstieg und Fall

Diese unprofessionelle Geschichtsvergessenheit passt jedenfalls ins Bild, das die HOSI Wien mittlerweile abgibt. Passend dazu habe ich über den „Aufstieg und Fall der HOSI Wien als politischer Akteur – Vom bürgerrechtlichen Aktivismus zur enthomosexualisierenden Identitätspolitik“ einen ausführlichen Aufsatz verfasst, der im Pride-Monat im Jahrbuch Sexualitäten 2026 erschienen ist. Dieser im Auftrag der Initiative Queer Nations von Jan Feddersen, Rainer Nicolaysen, Till Randolf Amelung und Jörg Jungmayr Miguel herausgegebene Band enthält übrigens zahlreiche weitere spannende Beiträge, darunter ein ausführliches Interview mit Faika El-Nagashi. Näheres dazu hier oder auf dem Website des Wallstein-Verlags.

Höhepunkte fürs Fremdschämen

Wie jedes Jahr gab es auch heuer wieder etliche Anlässe zum Fremdschämen. Manche Verbündete im vermeintlichen Kampf um Gleichberechtigung haben es mit ihrer Unterstützung ziemlich übertrieben. WIENXTRA, ein Verein, der außerschulische Bildung und Veranstaltungen für Kinder und junge Menschen in Wien anbietet und sehr eng mit der Stadt Wien zusammenarbeitet, hatte etwa „Pride feiern mit Holli ab 3 Jahren“ oder ein „Regenbogen-Rätsel ab 8 Jahren“ im Programm. Wie krank ist denn das? Kann man die Kinder nicht einfach damit in Ruhe lassen? Dreijährige müssen weder den internationalen Frauentag noch den Tag der Menschenrechte noch Pride feiern – und sie brauchen auch keine Dragqueen-Lesungen. Begreifen die Leute nicht, wie kontraproduktiv das ist?

Das Transgender Center Innsbruck (TGCI) wiederum nutzte den Pride-Monat dazu, sein berüchtigtes Körperverstümmelungsangebot zu bewerben. Der ORF strahlte zu diesem Zweck am 3. Juni in der Sendung „Tirol heute“ eine völlig unkritische Propaganda- bzw. unbezahlte PR-Einschaltung aus. Die Behandlungsmethoden des TGCI („Gender-Affirming Care“) speziell bei Minderjährigen sind höchst umstritten und in etlichen europäischen Ländern längst (wieder) verboten. Und in den USA geht es diesen Kliniken jetzt an den Kragen (vgl. Artikel hier). Nur das österreichische Gesundheitsministerium erkennt die Zeichen der Zeit nicht und hat noch immer nicht die Notbremse gezogen (vgl. Blog-Beitrag hier).

Faika El-Nagashi, Direktorin des Athena Forum, hat diesen skandalösen ORF-Beitrag zum Anlass für einen ausführlichen Kommentar genommen, in dem sie u. a. auf die fragwürdige Rolle des Pharmariesen Sandoz eingeht. Siehe dazu auch ihren Eintrag auf X. Sandoz investiert Unsummen, um diese Behandlungsmethoden am Laufen zu halten, immerhin verdient der Konzern daran, dass die Betroffenen lebenslang seine Medikamente benötigen (vgl. hier).

Überhaupt ist es höchst besorgniserregend, wie unkritisch die Massenmedien alles übernehmen, was aus der LSBTIQ-Ecke an lächerlichem Gejammere, übertriebenem Opferpathos und nervigem Diskriminierungsgeschrei daherkommt. Da kapituliert offenbar auch kritischer Journalismus – bzw. solcher, der sich üblicherweise dafür hält. Besonders deutlich wird das beim Verbot von Konversionstherapien. Offenbar hat noch kein Journalist und keine Chefreporterin bei den LSBT-Vereinen und den politischen Parteien, die dieses Verbot fordern, jemals nachgefragt, wo und wann und von wem konkret welche „Therapien“ für Jugendliche in Österreich tatsächlich angeboten werden. Die Erzählung, um nicht zu sagen: das Märchen, dass dies massenhaft geschieht, wird einfach unhinterfragt und ungeprüft übernommen und verbreitet – etwa von Nina Horaczek im Falter.

Schwindende Unterstützung

Die Übertreibung und Penetranz, mit denen die Bewegung heute ihre Anliegen vorantreibt und diese zudem in immer groteskere Feinheiten aufdröselt, werden sich letztlich als kontraproduktiv erweisen. Es geht ja längst nicht mehr um gleiche Rechte und Gleichstellung, sondern um absurde Sonderrechte und Privilegien. Und das für immer winzigere Untergruppen, deren Zahlen sich sogar unterhalb des Promille-Bereichs bewegen. Das geht sogar mir mittlerweile total auf die Nerven – und nicht nur in Hinblick auf die Indoktrinierung von Kindern (siehe oben) und Jugendlichen.

Verständnis, Toleranz, Sympathie und prinzipielle Unterstützung – mittlerweile in der breiten Bevölkerung vorhanden – müssen da zwangsläufig wieder abnehmen oder ins Gegenteil umschlagen. Mich verwundert es jedenfalls nicht, dass die Unterstützung wieder zurückgeht, wie die Medien am 9. Juni berichtet haben (meist haben sie nur Agenturmeldungen übernommen, stellvertretend dafür hier die auf ORF). Der Standard hat immerhin eine eigene Meinungsumfrage in Auftrag gegeben und die Ergebnisse ebenfalls am 9. Juni veröffentlicht.

Was mich eher verwundert, ist die Geduld „der Gesellschaft“, dass sie nicht schon früher und vehementer reagiert und ihren Unmut kundgetan hat. Jedenfalls werden Lesben und Schwule aufpassen müssen, dass die negativen Auswirkungen eines solchen Rückschlags sie nicht zu hart treffen werden. Und es bringt gar nichts, die Schuld daran den Rechten in die Schuhe zu schieben und jede eigene Schuld entrüstet von sich zu weisen.

Einer der Bereiche, wo diese Exzesse besonders penetrant zutage treten, ist Diversity-Management, also DEI (Diversity, Equality, Inclusion) am Arbeitsplatz. Hier haben die einschlägigen Queer-Business-Vereine und -Firmen, die damit ordentlich Kohle machen (es ist auch in Österreich mittlerweile ein Millionengeschäft) inzwischen damit begonnen, bei LSBTIQ-Mitarbeitern und -Mitarbeiterinnen abzufragen, ob sie schon einmal Opfer von „Mikroaggressionen“ am Arbeitsplatz geworden sind. Ja, ohne Schmäh! Echt! Diese Leute spüren sich offenbar gar nicht mehr. Oder sie sind die ärgsten Zyniker, die sich heimlich sogar noch darüber amüsieren, was alles möglich ist und ernstgenommen wird.

Ich traue mir jedenfalls zu behaupten, dass heterosexuelle „Cis“-Personen mindestens genauso oft Opfer irgendwelcher Mikroaggressionen werden wie LSBTIQ-Personen. Und ich frage mich, was als nächstes kommt: Werden demnächst Umfragen und Studien darüber gemacht, wie oft es passiert, dass die Kollegenschaft einer non-binären Person bei der Ankunft am Arbeitsplatz stehende Ovationen oder einer Transfrau ein Kompliment für ihr neues Outfit und Make-up verweigert, um anhand dieser Zahlen dann über die missliche und schreckliche Situation dieser Menschen in der Arbeitswelt zu lamentieren?

Doch auch hier dreht sich der Wind. Und es scheinen einmal mehr Lesben und Schwule zu sein, die als erste das Ganze infrage stellen, weil es ihnen ganz einfach zu viel wird, während heterosexuelle Menschen aus lauter Angst schweigen und sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, homo- bzw. transphob zu sein. Schon im Juli des Vorjahres hat die LGB Alliance in Großbritannien einen Bericht („Compelled Conformity“) über Zwangskonformismus am Arbeitsplatz veröffentlicht. Zwar handelt es sich dabei um keine repräsentative Untersuchung, aber dennoch um ein bemerkenswertes Zeugnis über die Auswüchse dieses Gesinnungsterrors, unter dem nicht zuletzt Lesben und Schwule leiden.

Die persönlichen Stellungnahmen und Aussagen sind jedenfalls total nachvollziehbar. Die dystopische Orwellsche Gleichschaltung von Meinungen und Haltungen schafft (im Gegensatz zudem, was immer behauptet wird) kein besonders erfolgreiches Team in einem Unternehmen, sondern eine Belegschaft von Duckmäusern, Ja-Sagern und Mitläufern, die aus Angst um ihren Job sich nicht trauen, ihre Meinung zu äußern. Und es liegt auch auf der Hand, dass diese erzwungene Konformität ein Machtmittel ist, das in einer hierarchischen Arbeitswelt – wie früher vor allem die Ellbogen – als Waffe eingesetzt werden kann.

Es muss die wahre Hölle sein, in einem Betrieb mit derartiger Gedankenkontrolle arbeiten zu müssen, wo man wissenschaftliche Fakten (z. B. es gibt nur zwei Geschlechter) nicht mehr äußern oder die offizielle deutsche Rechtschreibung (keine Wortbinnenzeichen) nicht mehr anwenden darf. Wer kann, ergreift da wohl die Flucht vor solchen autoritären, ja totalitären und faschistoiden Anwandlungen. Das sind meist auch die Besten; zurück bleiben nur die Mittelmäßigen und Angepassten…

Progress-Pride-Fahne

Mir wird auch durch die sogenannte Progress-Pride-Fahne die Freude am Pride verleidet. Sie dominiert immer mehr den öffentlichen Raum, von der Beflaggung der Straßenbahnen bis zu den öffentlichen Gebäuden. Ich kann mich leider mit dieser Fahne nicht identifizieren, worüber ich in meinem Blog-Beitrag vom 9. Juni geschrieben habe. Kritik an den Farben und der Gestaltung der „neuen“ Progress-Regenbogenfahne war übrigens am 7. Juni sogar im Standard zu lesen.

Und so kostet es mich immer mehr Überwindung, an Pride-Veranstaltungen oder der Regenbogenparade teilzunehmen. Heuer habe ich die Parade zum dritten Mal in Folge ausfallen lassen, sie reizt mich immer weniger. Sicher spielt auch das Alter eine Rolle. Und immerhin nahm ich vor 48 Jahren das erste Mal an einer Pride-Veranstaltung teil, 1978 in Kopenhagen. Seither habe ich so viele Paraden besucht, dass mein Bedarf eigentlich schon lange gedeckt ist – wie ich im Text über mein Engagement bei der EPOA schreibe –, aber bei der Regenbogenparade machte ich bis 2023 doch eine Ausnahme.

Diese Entfremdung hat aber auch mit den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zu tun. Firmen und Institutionen machen sich jetzt auf der Parade breit und wichtig, denen es nur um Virtue-Signalling und Imagepolitur geht. Vor 30 oder 20 Jahren wäre ihre Teilnahme wichtig gewesen, damals war es für sie jedoch nicht opportun; aber jetzt braucht sie eigentlich kein Mensch mehr. Mit dieser Entfremdung bin ich anscheinend nicht allein. Im Vorjahr (25. Mai) hat der offen schwule irische Schriftsteller John Boyne einen Kommentar in der Irish Independent veröffentlicht, der mir total aus der Seele spricht (hinter der Bezahlschranke; Faksimile davon jedoch obenstehend). Das tut auch der Beitrag, den Paul Knaggs am 10. Juni d. J. auf dem linken Online-Nachrichtenportal The Heartlands Tribune veröffentlicht hat. Ich kann mir daher ersparen, hier meine eigenen Gedanken dazu zu formulieren, und werde daher gleich an einem neuen Blog weiterschreiben, der ebenfalls mit dem Pride-Monat zu tun hat – denn auch die Politik bzw. der Nationalrat waren im Juni ebenfalls im Pride-Fieber.

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    Post vom Homopoliticus

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